Gestern kam ich total geschockt von meinem Arzt zurück. Nein, nicht wegen solcher Nebensächlichkeiten wie Übergewicht, Bluthochdruck, Magenbeschwerden oder Weichteilrheumatismus. Über solche Dinge reden wir gar nicht mehr. Wen interessiert das auch schon? Mich nicht und Dr. G. auch nicht. Dr. G. ist ein sehr verständiger Arzt. Er hat mir einen Kaffee (mit Milch) geholt. Also er holt mir natürlich nicht immer einen Kaffee, aber er wollte sich selbst einen holen und da wäre es unhöflich gewesen, mir keinen anzubieten und da die Praxis von Dr. G. nicht nach Filterkaffee aussieht, habe ich eingewilligt. Und dann haben wir uns nett unterhalten. Nein, nicht was Sie denken. Er hat nicht von den betriebswirtschaftlichen Folgen der Gesundheitsreform erzählt, womit viele Ärzte ja das kleine Zeitkontingent, das einem als Kassenpatient zusteht, füllen. Nein, wir haben angenehm über das sehr robuste Mandat in Afghanistan mit möglichem Waffeneinsatz gesprochen und kamen dann - wie eigentlich? - auf die vielen weiblichen Patienten um die 40, die unter Liebespartner-Mangel leiden. “Und,” sagt Dr. G. mit sorgenvollem Gesicht, “die finden auch keinen mehr.” Dr. G ist eigentlich ein heiterer Mensch. Er macht sich wirklich Sorgen um seine Patientinnen.
Ich bin überrascht. Vor zwei Wochen, als Dr. G. in Urlaub war, vermutlich mit Liebespartnerin, hat Dr. T. ihn mit einer kleinen Spritze vertreten. Auch er, erinnere ich mich plötzlich, hat sorgenvoll über diesen traurigen Befund berichtet.
Nun muss ich mich doch sehr wundern. Ok, Frauen ab 40 haben oft den ersten Liebespartner schon abgelegt und sind jetzt auf der Suche nach einem Neuen. Aber ist das ein Problem, dass man seinem Arzt erzählen muss? Wünscht man sich von seinem Arzt eine Medizin, die neue Liebespartner anlockt? Möchte man Valium, damit man gar keine Wünsche mehr hat? Will man eine Schlankheitskur verschrieben bekommen, damit das mit der Suche besser klappt? Eine Schönheits-OP? Möchte man einfach, dass Dr. G. oder Dr. T. einem die Hand streicheln?
Als Coach und Outplacementberaterin muss ich den jungen Frauen um 40 sagen, dass sie hier den falschen Weg einschlagen. Wenn sie einen Liebespartner suchen, hat es wenig Sinn, das dem Arzt zu erzählen. Es sei denn, der Arzt hat vorher erzählt, dass er Single ist und ebenfalls einen Liebespartner sucht. Dr. G. ist wirklich nett, aber ist sehr glücklich verheiratet, das hat er mir glaubhaft versichert. Also ist es doch Zeitverschwendung, es ihm zu erzählen. Sie finden ja auch keinen neuen Job, wenn Sie Ihrem Arzt erzählen, dass Sie unter der Arbeitslosigkeit leiden. Es sei denn, Sie sind Sprechstundehilfe und versuchen auf die Weise, an den verdeckten Arbeitmarkt zu kommen. Oder, Sie gehen davon aus, dass Dr. G. und Dr. T. viele Singles im passenden Alter und mit der passenden Krankheit in ihrer Datenbank haben und hier vielleicht mit geschickten Verknüpfungen helfen könnten. Eine interessante Idee.
Aber wenn so viel darüber geredet wird, dann scheint es tatsächlich einen Partner-Notstand zu geben. Auch in meiner Beratungspraxis sitzen oft schöne und intelligente Männer und Frauen vor mir und wünschen sich einen Liebespartner, finden ihn aber nicht. Oder wissen gar nicht, wo und wie sie ihn suchen sollten. Hier scheint es einen großen Beratungsbedarf zu geben. Ich habe gegoogelt und einige Einträge zum Thema “Liebes-Coaching” gefunden. Hier geht es aber stets darum, wie man in einer bestehenden Beziehung Konflikte minimiert, schlechte Laune vermeidet, wieder zu Offenheit und Vertrauen findet oder die Sexualität ankurbelt. Aber das ist so ähnlich, als ob man einem Arbeitssuchenden Ratschläge gibt, wie er sich beim neuen Chef verhalten sollte. Er braucht erst mal einen neuen Chef. Oder die Klienten, die von mir Tipps haben wollen, wie sie sich im Bewerbungsgespräch verhalten sollten. Und das, wenn sie noch keine einzige Einladung zu einem Gespräch haben.
Aber wer hilft denn nun den Menschen, die sich diesen brennenden Fragen noch gar nicht stellen können, weil es niemand gibt, über dessen schlechte Laune man sich Sorgen machen könnte. Wie wird denjenigen geholfen, die noch auf der Suche sind?
Eigentlich ist mit dem Instrumentarium der Outplacementberatung doch alles gegeben, was man bei der Liebespartnersuche braucht: eigene Ressourcen und Bedürfnisse klären, Ziel festlegen, operationalisieren und einen Plan machen, dann handeln.
Ich setze mich jetzt sofort hin und schreibe darüber ein Buch. Das muss ganz schnell auf den Markt.
Habe ich eigentlich berichtet, dass Herr Dr. G. nicht nur ein guter Gesprächspartner, sondern auch ein wunderbarer Arzt ist, sich auch für Kassenpatienten Zeit nimmt ud mich von allen Krankheiten kuriert hat? Sonst würde ich schließlich auch nicht zu ihm gehen.

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