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In Madras ist Überschwemmung

29. September 2008 · 2 Kommentare

Meine Lieben,

in Madras (heute Chennai) ist es 36 Grad warm und außerdem kann man auf den Strassen schwimmen. Das tun dort aber weniger die Menschen als Autos und Hüte und Obst und Schmutz. Und nach yahoo-weather bleibt es dort auch so, bis wir ankommen.

Das schreckt uns gar nicht, sondern gibt uns die wunderbare Möglichkeit, nach Regenhäuten zu surfen. Nach mehrstündigem Surfen kann ich nur sagen, dass da noch sehr viel Entwicklungsbedarf zu sein scheint, vor allem in ästhetischer Hinsicht. Ich sehe mich schon in einem überdimensionierten (er muss ja über alles drüber gehen) grellrosa Regenponcho durch Madras schlurfen. Schlurfen, weil ich ja nicht mit den gesunden Birkenstocks dort laufen kann, denn die sind aus Leder, was der Hindu sowieso nicht gern hat und außerdem saugen sie sich voller Regen. Also habe ich mich auf der wundervollen Seite www.badelatschen.de eingloggt und nun wird es schwierig. Es gibt einfach wirklich herrliche Dinge, auch in rosa, wenn es zum rosa Poncho passen soll. Aber geht nicht auf die Seite www.badelatschen.net, das ist nämlich die Seite der Feuchtraumschuhvereinigung (nein, das hat nichts mit Charlotte Roche zu tun) und die hat vor allem Adiletten. Ich weiß, ich weiß, am Prenzlauer Berg oder in Friedrichshain ist das total cool, aber nicht, wenn man 64 ist, dann sieht man eben aus wie eine Oma in Adiletten. Was ja dann auch irgendwie stimmen würde.

Ihr seht, die Vorbereitung auf die Reise macht fast so viel Spaß wie die Reise.

Gestern kam es allerdings fast zu einer Trennung von meiner Reisebegleitung und mir, also von Henriette. Es geht ums Gepäck. Sie möchte für 27 Tage genau 54 T-Shirts mitnehmen “… es ist da schließlich total heiß und dann schwitze ich und da muss ich mich zweimal am Tag umziehen können. Und wer soll da meine Tshirts im Hotel waschen? Und außerdem kann ich wohl selbst entscheiden, was ich mitnehme. Ich trage meine rote Reisetasche ja auch selbst.” “Wie willst Du denn in die rote Reisetasche 54 Tshirts plus 3 Jeans…” “Wieso drei Jeans? Das reicht doch nie. Ich muss mindestens 4 Jeans und die 3 schwarzen Hosen mitnehmen, die ich in Griechenland gekauft habe. Und außerdem brauche ich 2 Turnschuhe, 3 Paar Sandalen und dann zwei Flipflops und…” “Aber Henrie, Du hast doch versprochen, dass Du mir beim Koffertragen hilfst und ich nehme ganz wenig mit, Du weißt doch, mein Rücken…”

Ich habe ihr dann ganz ruhig erklärt, dass wir als sanfte und bewußte Touristen die Verpflichtung haben, das indische Bruttosozialprodukt mit anzukurbeln, wenn die Inder im Gegenzug schon bereit sind, sich uns als Urlaubsumgebung anzubieten. Henriette hat dann auf ihre indischen Wurzeln gepocht und behauptet, dass die Inderin als solche nicht gerne unsere Tshirts wäscht, dem habe ich widersprochen und darauf hingewiesen, dass sie nur eine denaturierte halbe Inderin ist und daher keine Ahnung hat. Wir waren fast schon bei der Deeskalierung angekommen, als Henriette ein kleines Bücherstäpelchen in der Ecke entdeckte. Es handelt sich nur um einen sehr kleinen Bücherstapel, den ich schon für die Fahrt herausgesucht habe.

“Was ist das denn? Das willst Du doch nicht alles einpacken, Janine!”

Ich habe ihr dann immer noch ruhig meine Bücherkalkulation erklärt. In zwei Tagen verbrauche ich 1,5 Bücher, das macht bei 27 Tagen 20,25 Bücher und bei der Hin- und Rückfahrt rechne ich pro Tag 1 Buch. Also brauche ich 22 bis 23 Bücher. Ich habe schon darauf geachtet, dass es meistens Paperbacks sind. Sie hat dann darauf hingewiesen, dass es in Madras/Chennai mehrere englische Bookshops gibt (das weiß sie, weil sie weiss, dass ihre Mutter nie in eine Stadt ohne Bookshops und Internetcafés fahren würde), aber in diesen Bookshops liegen vor allem Grisham, King und Mankell aus. Und dann noch irgendwas mit großer goldener Schrift und einem roten Mund. Ich vermute, das geht´s um Leidenschaft. Nichts gegen die erstgenannten Autoren, sie sind unter ökonomischen Gesichtspunkten meine absoluten Vorbilder, aber man kann das nicht 27 Tage lang lesen. Und die mit dem roten Mund sind für mich so ähnlich wie Adiletten.

Naja, es gab ein großes Hin und Her und wir haben überlegt, ob wir die Reise stornieren sollen oder jeder mit jemand anders fährt. Aber dann fiel Henrie Gottseindank ein, dass sie mit mir (ich zahle) in eine wunderbaren Film gehen wollte und sofort hat sie klug eingelenkt und die schlechte Laune war verflogen und dann haben wir “Die Kunst des negativen Denkens” gesehen und das ist wirklich ein sehr sehenswerter dänischer Film. Ich glaube, wir fahren doch gemeinsam. Immerhin hat sie einen guten Kinogeschmack und Madras/Chennai ist - für die, die das noch nicht wissen - die größte Filmproduktionsstadt von Indien, genannt “Kollywood”. Nein, nicht Bombay oder Kalkutta mit  Bollywood.

Wir haben ja noch viele Tage für die Vorbereitung. Ich halte euch auf dem Laufenden. Nein, ich habe keine eingeschweißten Himalayrösti gekauft.

Namaste

Janine

Thema: Indien-Reise oder Reisen 60+

Es gibt 2 Kommentare zu diesem Artikel ↓

  • 1 anachron7 antwortete am 01. Oktober 2008 um 18:53 Uhr

    liebe frau berg-peer,
    gerade lag ihre einladung zum blog und zu ihrer indienreise in meinem postfach - das ist eine wunderbare idee, gemeinsam mit henrie indien zu erkunden. von zeit zu zeit werde ich gespannt, verträumt und aus der ferne ihre abenteuer begleiten. einen lieben gruß an henrie, die shirt-sammel-gelüste kommen mir irgendwie bekannt vor, auch ich neige zu hoffnungslos überladenem gepäck im urlaub und ärgere mich jedesmal! über eine überdimensionierte fracht, die die lust aufs ankleiden erheblich schmälert. aber das scheint ein retardierender fehler zu sein, nach der formel: urlaub = zu viele “klamotten” + enorme schlepperei.
    im übrigen dürfte die kleine bücherauswahl auch einiges an gewicht mit sich bringen ;-)
    ich könnte mich, ob ihrer vorfreude, auch zu urlaubsplänen hinreißen lassen - aber …. keine zeit.
    so ist es sehr schön, demnächst eine imaginäre indienreise anzutreten. ich wünsche ihnen dort eine wunderbare zeit. herzlichst, anja

  • 2 Ally antwortete am 02. Oktober 2008 um 16:03 Uhr

    Hallo, Janine,

    nimm nicht so viel mit! Bring lieber was mit von dort.
    Der erwachsene weibliche Mensch - jenseits der vorpubertären androgynen Figur - sieht sowieso besser aus in einem Salvar Kamees als in den Klamotten, die uns hierzulande aufgedrängt werden. (In Indien weiß man das, hier hat es sich noch nicht rumgesprochen.)

    Das kann man alles dort kaufen und fühlt sich damit gut.
    Ich hätte dir gern ein Foto geschickt vom Reisen in der Nussschale, wie ich es in Südindien beobachtet habe. Aber leider kann man hier kein Bild hosten. Ich schicke es Dir per Email.

    Dir und Henriette wünsche ich eine schöne Zeit, interessante Begegnungen und unvergessliche Erlebnisse.

    Herzliche Grüße
    Ally
    (Gaby)

    Reisesegen:

    Glaube nicht dem, der von weither kommt, sondern dem, der von dort zurückkehrt.

    (Miguel de Cervantes Saavedra)

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