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Indien wählt, der Nano, Kricket geht nach Südafrika, Varun Gandhi und Shashi Tharoor

30. März 2009 · Keine Kommentare

Indien wählt, und bei über eine Milliarde Wählern und Wählerinnen gibt es viel zu tun für die Politiker und Politikerinnen. Aber was uns (!) begeistert und froh und stolz macht, ist der Nano. Ratan Tata (auch „Rotten Tata““ genannt) hat es geschafft. Vor 5 Jahren hat er versprochen, das 1 Lakh (ca. 2500 $) – Auto für indische Familien zu produzieren und trotz großer Schwierigkeiten beim Finden einer Produktionsstätte (Bengal hatte gedroht, die Auslieferung des Nano zu verbieten, jetzt wird das Auto in Gujarat produziert) ist das Auto pünktlich fertig geworden. Der Nano ist klein, aber bequem, hat kleinere Räder, um ihn leichter (und billiger) zu machen, nur einen Scheibenwischer und, wenn ich das richtig verstanden habe, auch nur an der Fahrerseite einen Außenspiegel. Aber man kann ihn aufrüsten und dann hat er sogar eine Klimaanlage. Der Nano soll die gefährlichen Zweiräder auf Indiens Strassen verdrängen. Das wird er, sagt mir ein kritischer Inder, weil die Strassen, die jetzt schon mit den Zweirädern überfüllt sind, mit dem Nano nun vollständig verstopft sein werden. Und weil dann keiner mehr fahren kann, wird es auch weniger Unfälle geben.

Für den indischen Nationalstolz ist es eine große Errungenschaft, ein Auto, das auch umweltschonende Eigenschaften hat und  für die breite Masse zu finanzieren ist, produziert zu haben. Ok, es gibt nicht gleich für alle einen Nano, es gehen erst mal nur 800 Autos vom Band. Und wer bekommt einen Nano? Das wird ausgelost. Online oder bei dem Autohändler seines Vertrauens kann man ein Formular für 300 Rupien erwerben (natürlich erstmal ein Formular in Indien) und sich dann „bewerben“. Dann zahlt man 60% des Kaufpreises auf ein Konto und hat dann das Recht, an einer Verlosung teilzunehmen. Im April geht es los und ab Juli oder August rollen die ersten Nanos vom Band. Man kann leider nur einen Nano beantragen und gewinnen. Schade, ich hätte sofort einen Nano gekauft. Bei dem Interesse am Nano hätte ich den mit mindestens 100% Gewinn verkaufen können. Ich merke, Indien färbt ab – ich beginne in vielen Situationen die geschäftlichen Möglichkeiten durchzudenken.

Aber noch wichtiger als der Nano ist bekanntermaßen in Indien Kricket. Und auch die Besucherin kann sich dem Charme von Kricket nicht entziehen. Keine Zeitung, die nicht täglich Kricketneuigkeiten bringt, kein Fernsehkanal, in dem nicht ausführlich Kricket gezeigt wird oder über die Verletzungen oder Erfolge oder Misserfolge des indischen Teams berichtet wird. Warum interessiert mich in Indien Kricket und Fußball nicht in Deutschland? Dann vergleicht doch einfach mal Sachin Tendulkar oder Sharma oder Dhoni – rein optisch – mit Kevin Koranyi oder Sebastian Schweinsteiger. Auch Harbijhan Singh mit dem Haarnetz hat Charme. Alles klar? Ich verstehe zwar nichts von dem, was dort auf dem Kricketfeld passiert, außer, dass einer einen kleinen Ball wirft und ein anderer dann gegen diesen Ball schlagen muss, aber was dann passiert und was gut und was weniger gut ist, bleibt ein Rätsel. Aber eine Menge attraktiver junger Männer zu betrachten, die die meiste Zeit auf dem Rasen herumstehen und sich unterhalten oder ab und zu vor Begeisterung in die Luft springen, das ist schon nett. Kricket hat auch nicht das Hektische von Fußball. Diese hübschen jungen Männer schwitzen auch nicht oder reißen sich nach dem Spiel die Trikots vom Leib, um uns quarkweiße, durchgeschwitzte Oberkörper zu präsentieren. Sie umarmen sich liebevoll und schlagen sich männlich auf die attraktiven Schultern, um sich dann wieder gemächlich auf den Weg über das Kricketfeld zu machen.

Aber es gibt eine Katastrophe für das indische Kricket. Das diesjährige internationale Krickettournier wird nicht in Indien stattfinden! Es ist zu gefährlich, sagt der indische Homeminister, weil gleichzeitig die Wahlen stattfinden (?). Das ist eine Schande für Indien, eine nationale Katastrophe. Wie wichtig Kricket in Indien ist, siehat man auch daran, dass Bollywood-Superstars Kricketclubs kaufen. Und so sieht man Shah Rukh Khan (King Khan), dem die Calcutta Night Riders gehören, durchtrainiert über das Kricketfield laufen, während eine junge Dame einen Regenschirm (i.e. Sonnenschirm) über seinen Kopf hält. Erinnert das nicht an die Zeiten des britischen Raj, als Kinder eine Art Stofffächer permanent über den Sahibs und Memsahibs bewegen mussten oder, da ich gerade die Geschichte Burmas lese, an die kostbaren Schirme, die seinerzeit über die empfindlichen Köpfe der Feudalherren gehalten wurden?

Zurück zum diesjährigen Kricketevent. Wir (!) sind bestürzt. Nicht bei uns. Und das Allerschlimmste: Als mögliche Austragungsorte sind Großbritannien oder Südafrika im Gespräch. „Bei unserer ehemaligen Kolonialmacht!“, wie Krish Ashoka in der interessanten Beilage zu „The Hindu“, die überraschenderweise „Zeitgeist“ heißt, schreibt oder bei den Typen, die Ghandi aus dem Zug geworfen haben. Es ist entschieden, es sind die Letzeren und nun schließt sich die heiß diskutierte Frage an, weshalb die Südafrikaner es schaffen, Kricket und ihre Wahl zu verbinden, während wir (!) in Indien das nicht können. Eine mögliche Antwort ist, dass für die Südafrikaner ihre Wahl weniger wichtig ist als Kricket, die andere ist, dass es weniger Gewalt und Gefährdung der Sicherheit in Südafrika gibt als in Indien (?).Vielleicht, vermutet Vikram am Pool, hat letztlich das Wetter für Südafrika gesprochen.

Das alle Inder zurzeit beschäftigenden Thema aber ist Varun Ghandi. Der 29jährige Sohn von Sanjay Ghandhi, Indira Ghandis Lieblingssohn Sanjay Ghandi, hat mit großem Pathos eine „Hassrede“ gegen Moslems gehalten. Für uns Deutsche erinnert die von ihm benutzte Sprache leider bedrohlich an unsere Geschichte. Er stellt – angeblich - Moslems als Bedrohung für die Hindus dar (Moslems machen ca. 7 % der indischen Bevölkerung aus) macht sich lustig über ihre Namen und ihre Aussehen („Kinder müssen Angst haben, ihnen abends zu begegnen“) und droht ihnen mit Tod und Sterilisation (!). Natürlich hat er das alles gar nicht gesagt, sondern das Tape, das ihn zeigt, „has been doctored!“ (Erheiternd, dass „doctored“ wohl bedeutet, dass es in betrügerischer Absicht manipuliert wurde.) Und wer hat das alles gesagt, was er nicht gesagt hat? Auf dem Tape, sagt Varun, ist die Stimme von Amitabh Bacchan zu hören. Amitabh Bacchan ist DER Filmstar von Indien, eine Mischung aus Robert Redford und Robert de Niro, nur viel berühmter. Wie auch immer, schlimm ist, dass Varun mit seiner – angeblichen - Rede durchaus auch viel Zustimmung in Indien gefunden hat. Die stark nationalistische BJP hält als Wahlkandidat an ihm fest, was wohl bedeutet, dass mit seinen Äußerungen durchaus Wahlkampf zu machen ist. Wenn wir in Europa über die muslimischen Attentate hören, wird oft unterschlagen, wie stark die Muslime in Indien diskriminiert werden.

Da er angeklagt wurde, gegen den Code of Conduct (keine zu Hass aufrufenden und diffamierenden Reden während der Wahl) verstoßen zu haben, ist er für zwei Nächte im Gefängnis bis zu seinem Prozess, der heute stattfinden wird. Wenn man im Fernsehen die Hindubrigaden gesehen hat, die in Massen seine demonstrative Fahrt auf einem offenen Lastwagen zum Gefängnis begleitet haben und die Polizisten und das Gefängnis mit Stöcken und Steinen beworfen haben, bekommt man einen beängstigenden Eindruck davon, wie Unruhen in Indien aussehen könnten. Ich hatte schon etwas Angst, was passieren könnte, wenn heute ein für extreme Hindus unliebsames Urteil ergeht.

Aber ein erheiternder Aspekt: Befragt, wie es denn Varun Ghandi im Gefängnis wohl ergehen wird, wurde beruhigend gesagt, dass es wohl nicht so schlimm sei, denn er bekomme „home cooked food“, weil das Gefängnis im Wahlbezirk seiner Mutter läge. Das ist für einen Inder natürlich ganz wichtig. Ich bin eher skeptisch, ob deutsche Gefängnisinsassen auch so viel Wert darauf legen, den Eintopf oder das Fertiggericht ihrer Mütter ins Gefängnis gebracht zu bekommen?

Was mich besonders interessiert, ist die Kandidatur von Shashi Tharoor, dem engsten Mitarbeiter von Kofi Anan in der UNO (Sub secretary oder so etwas). Nachdem seine Kandidatur als Nachfolger von Kofi nicht erfolgreich war, bewirbt er sich in Kerala als Kandidat. Er hat es geschafft, fast täglich mit etwas unglücklichen Nachrichten in der Zeitung zu stehen. Da ich seine vielen Bücher mit großer Begeisterung gelesen habe (sehr empfehlenswert) , hat es mich gewundert, dass er anlässlich der Wahl von Obama öffentlich von sich gab, dass das so sei, als wenn ein katholischer Italiener in Indien Präsident würde. Wie bitte, Herr Tharoor? Dann hat er bei einem studentischen Event das Singen der indischen Nationalhymne unterbrochen und alle per Mikrophon aufgefordert, doch ab jetzt diese immer in amerikanischer Manier zu singen, also mit der Hand auf dem Herz. Kam auch nicht gut in Indien an. Dann hat er geschrieben – angeblich -, dass Israel Indien sehr viel mehr unterstützt, als das andere Länder tun – auch das hat ihm nicht nur Sympathien eingebracht. Aber anlässlich dieser Situation erfährt man, dass Israel gerade sicherheitspolitisch sehr, sehr eng mit Indien zusammenarbeitet. Schade, er schreibt wirklich so hinreißende Bücher. Vielleicht sollen wir alle froh sein, dass Shashi nicht Nachfolger von Kofi Anan geworden ist, denn jemand, der in so kurzer Zeit in dermaßen viele Fettnäpfchen treten kann, wäre in dieser Position doch eher beunruhigend.

Abschied von Indien

Und nun habe ich die Koffer gepackt und werde heute alles noch einmal zum letzten Mal tun: Frühstücken, Schwimmen auf dem Dach, durch die staubige und heiße M.G. Road laufen, auf die Frage antworten “First time in Kerala?”. Gestern Abend haben sie sich mir zu Ehren etwas Besonderes ausgedacht. Es gab beim Buffet „Salad karthophil“ und „Palmonica potatoe“. „Germans like potatoes.“ Strahlt mich der Kellner an. Da der „salad karthophil” sehr, sehr grün war, konnte ich erst beim Hineinbeißen bemerken, dass es sich um Kartoffelsalat handelt. Aber lecker. „Palmonica potatoes“ sind einfach stark verkochte mehlige Salzkartoffeln, wie man sie im Osten Deutschlands gerne isst. Weil ich den letzten Abend dort war, hat man eine deutsche Musik für mich ausgesucht. Und nun saß ich in Indien in einem klimatisierten Saal beim scharfen Curry mit salad karthophil und über uns erklang aus glockenreinen Mädchenstimmen „Ännchen von Tharau“. Nein, das habe ich mir nicht ausgedacht. „It´s one of my favorite songs!“ sagte ich dem erwartungsvoll neben mir stehenden Manager.

Thema: Indien-Reise oder Reisen 60+

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