Nein, ich meine nicht Bollywoood-DVDs, die man im heimischen Sessel mit der Frau des Lebens und ein paar Erdnussflips und einem Bier konsumiert. Nein, in Indien ins Kino gehen. Das ist ein Erlebnis.
Henrie und ich zogen also los mit Arifa (Ilyas Frau) und Yessie (Arifas Servant) und einem kleinen bildschoenen glitschhaarigen und rosastrass-bekleideten Maedchen (Yessies Tochter) von 6 Jahren. Wir musten zwei Rikshas nehmen, weil Henrie und ich eine Riksha vollstaednig ausfuellen. (Ja, das ist in Indien nicht anders geworden, Indien ist nicht unbedingt das Land fuer Weight Watchers.) Henrie maulte die ganze Zeit, weil sie natuerlich jeden Abend allein ins Kino gehen wollte, aber Arifa hat sehr abgeraten, vor allem nicht, wenn zu Diwali ein neuer Film herauskommt. Also wir im Pulk ins Kino. Arifa, die eine wunderschoene und kluge Frau ist, in einem langen schwarzen, alles bis auf den Kopf verhuellenden Zelt, Yessie in einem wunderschenen gruen-roten Sari und Henrie und ich eben wie immer (im freundichen schwarz, was uebrigens in Indien immer etwas Erstaunen hervorruft). Als wir ankamen, war dort bereits eine Riesenmenge an Personen, zumeist maennlich und zwischen 12 und 35, stauten sich vor den engen Eisenstangen, die zum Ticketschalter fuehrten. Da einege auch mit Gebruell ueber die Eisenstangen huepften, waren wir sehr froh, dass Arifa, durchsetzungsfähig und mit strengem Blick die Tickets kaufte.
Ploetzlich hiess es, es gaebe keine Tickets mehr, da brach ein noch lauteres Gebruell aus und alles huepfte und kletterte und kroch ueber und unter den Eisenstangen durch, um doch noch an den Ticketschalter zu kommen. Ich hatte wieder furchtbare Angst, aber Henrie fand das total bloede, weil das in Indien nichts bedeutet. Das weiss sie, weil ihr das ihr indisches Blut sagt. Ueberhaupt muss sie keine Reisefuehrer lesen, weil sie sich in Indien bestens auskennt. Und das Aergerliche ist, dass die Inder sich auch mit ihr sehr zuhause fuehlen und Henrie auch meistens Recht hat.
Also, weiter ins Kino: Punkt 19:00 oeffnet sich die Glastuer und der Druck hinter uns verstaerkt sich. Aber wir alles muessen durch ein Nadeloehr, naemlich durch einen Metalldetektor wie am Flughafen, denn hier in Indien darf man alles nicht ins Kino mitnehmen, was man auch ins Flugzeug nciht mitnehmen darf. Natuerlich wollten clevere Jungs rechts und links an dem Ding vorbei, was aber an sehr kraeftigen Tuerstehern scheiterte. Als ich Arifa darauf hinwies, meinte sie, dass es sich bei diesen Jungs um dumme Dorfjungs handele, die nicht wuessten, wie es heutzutage in der Welt vor sich ginge. Fuer sie war das gar keine Frage der Gefahr, sondern eine Frage der Weltlaeufigkeit. Eine Dame von Welt weiss, was sich im Kino gehoert: Man geht durch gesittet durch den Metalldetektor.
Gut, Henrie hatte mal wieder Recht: Nach dem Metalldetektor verwandelte sich die bruellende Horde in wohlerzogene und freundliche und hoefliche junge Maenner, die einem hilfsbereit den Weg zur Pepsicola zeigten und immer die Tueren aufhielten. Was uns wunderte, war allerdings, dass sich das Kino dann auch langsam mit Familien fuellte, die nicht nur sechsjaehrige, sondern auch Saeuglinge mitbrachten. Eine hoher Geraeuschpegel, man rief sich vond er ersten Reihe in die letzte bruellend Berguessungsworte zu und als der Film schon lief, kamen immer neue Menschen herein, die dann durch lautes Rufen im Dunklen den Platz neben ihren Freunden suchten. Dann ein paar Babys, die heulten und viele SMSe und Telefontoene, die nicht nur laut klingelten, sondern auch vergnuegt angenommen wurden. Und da es unhoeflich (und nicht erlaubt) ist, im Kino zu telefonieren, wurde die SMS oder der Anruf erst mal angenommen, dann laut beantwortet, dann musste die ganze Reihe aufstehen und den laut Telefonierenden durchlassen, der dann laut telefonierend zum Ausgang gin. Nach ein paar Minuten kam er zurueck. rief laut die Namen siener Freunde, weil er nicht mehr wusste, wo er sass, dann musste die ganze Reihe wieder aufstehen. Die Rufe wurden ebenso laut und froehich beantwortet und vom Publikum ebenso laut und froehlich kommentiert), dann endlich sass er wieder. Und bald ging das an einer anderen Stelle wieder los.
Ploetzlich sprangen alle Kinoteilnehmer (bis auf die Saueglinge) auf und bruellten so, dass ich voller Angst dachte, eine Horde von Muslimen oder Hindus oder Jains oder Christen, alle angefuehrt von Raj Thackeray, wollten die jeweils andere Religionsgruppe endgueltig ausrotten. Wie das eben so ist in Indien. Ich drehte mich voller Angst zu Arifa, die mich anstrahlte und sagte “It’s him, Shiva, the main actor! They love him.” Ach so. Das wars also, Auftritt Hauptdarsteller. Die bruellenden Fanatiker verwandelten sich sofort wieder in vergnuegte Fans und wir sahen dann gemeinsam drei Stunden (3 in Zahlen) dem Polizeiinspektor Shiva zu (so eine indische Art Goetz George), der in unvorstellbaren Autorasereien und Karatepruegeleien eine Menge extrem boeser Schurken zu Fall brachte. Spannungsmaessig und actionmaessig sehr viel besser als jeder Bondfilm. Zwischendurch, und das war das erstaunliche oder verwunderliche, tanzte dieser toughe (und nicht ganz schlanke) Polizeioberinspektor aber mit einer Horde von Schulmaedchen und -jungens zu wilden Rhythmen in einem College und auf bluehenden Wiesen und verwirrenderweise auch haeufig vor einem Alpenpanorama oder auf einem Marktplatz, der verdaechtig nach Deggendorf oder Oberammergau aussah. Na egal, er kriegte dann auch die Lehrerin, nachdem die Schurken tot waren.
Aber nach Logik darf man in einem Kollywoodfilm auch nicht fragen (nicht Bollywood, das ist in Mumbai), wir (WIR) in Tamil Nadu haben Kollywood und das ist viel spannender, weil eben viel Martial Arts vorkommt. Von Sukhetu Metha (sehr interessantes Buch “Bombay. Maximum City”, muss man unbedingt lesen, wenn man sich fuer Indien interessiert) habe ich gelernt, woran der europaeische oder amerikanische Fim krankt: Vor allem bei der Musik bemueht er sich darum, einen Zusammenhang zwischen dem Plot und der Musik herzustellen. Diese enge Sicht teilt man in einem indischen Fim nicht. Musik ist dann einfach da und alle fangen an zu singen und darauf freut sich auch das Publikum. Und was die Handlung betrifft, so passieren dauernd sehr aufregende Dinge, aber der Regisseur langweilt seine Zuschauer nicht mit Hinweisen oder gar Erklaerungen, warum diese aufregenden Dinge passieren. Sie passieren und auch das freut die Zuschauer, denn man weiss ja einfach, dass diese aufregenden Dinge im Kino passieren. So war auch unser Film Aegon aufgebaut und selbst der Deccan Chronicle oder die Hindu Times schrieb, dass man in diesem Film nicht nach Logik suchen duerfe. Danach haben wir auch nicht gesucht, sondern einen sehr aufregenden Abend mit netten Zuschauern, viel Babygebruell, das war den Saeuglingen dann doch zuviel, (vielleicht haben sie auch die Logik vermisst, sie kannten Kollywoodfilme noch nicht), viel Aufstehen und wieder Hinsetzen, viel Popcorn uynd viel Gelaechter verbracht. Und wenn wir wieder nach Indien fahren, werden wir regelmaessig ins Kino gehen. Hinterher mussten wir noch mit der Riksha zu Henries Lieblings-Samoussa-Stand und unser Abendessen kaufen. Unser Luxushotel (alles in weissem Marmor und ueberhaupt alles in minimalistischem Weiss) wird nach unserer Abfahrt lange gebraucht haben, bis sie den Zigaretten und Samoussageruch (eklige Mischung) wieder rausgebracht haben.
Aber jetzt sind wir in Chennai (Empfehung: weitraeuumig umfahren, wenn man Asthmagefaehrdet ist, nur mit Tuch vor Nase und Mund zu ertragen) und fliegen leider, leider heute Nacht wieder zuerueck. Was mich vor allem nicht freut, weil ich eine scheussliche Erkaeltung habe und vermutlich im Flugzeug leiden werde.
Ich muss jetzt aufhoeren, weil Henries Laune extrem schlecht ist, weil sie nicht an ihren Blog kann.
Danke fuer die schoenen Kommentare, nein, lieber Herr Murmann, ich mag Gulab Jamuns nicht, zu klebrig, aber ja, wir bringen bunte Seide mit, damit wir den grauen Alltag in Deutschland verschenern koennen und ja, liebe Gesine Krueger, Indien ist sicher noch so, wie es immer war, also einfach sehr beeindruckend und faszinierend. Henrie will eine Wohnung in Pondicherry mieten und dort Englisch lernen, na mal sehen, was sich so fuer uns ergibt. Aber wir kommen in jedem Fall bald wieder.
Bis bald
Janine
Ich habe vergessen, von unserem Besuch bei Higginbottams zu erzaehlen. Die aelteste Buchhandlung in Chennai. Dort wuerde ich gerne einziehen. Das also im naechsten Jahr.

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