Janine/ November 1, 2013/ Alle Artikel, Genuss

redkeyboard-istock-160-120„Im Internet steht nur Unsinn!“, sagt mein Arzt.

Sie kennen das sicher: Sie haben ein gesundheitliches Problem und gehen zum Arzt, nicht ohne vorher im Internet nach Symptomen und Diagnosen recherchiert zu haben. Aber Ihr Arzt sagt „Im Internet steht nur Unsinn!“ Klar, das macht man doch, vielleicht ist es ja ganz harmlos. Oder eben tödlich und dann auf zur Notfallstation des Krankenhauses. Da war ich auch gerade, der Knöchel war dick und ich konnte kaum auftreten. „Aktivierte Arthrose!“ sagte die fröhliche Ärztin. Was man dagegen machen kann, fragte ich. Nichts, meinte die fröhliche Ärztin, Voltarensalbe drauf, feste Binde drum und ruhig halten. Wird schon. In Ihrem Alter haben sich doch sicher Zeit, sich etwas auszuruhen. Ob man denn grundsätzlich etwas gegen Arthrose machen kann, frage ich die fröhliche Ärztin. Sie guckt skeptisch und erklärt so ein paar invasive Methoden, mit denen man… Und dann sagt Sie den Zaubersatz: „Recherchieren Sie mal im Internet, da können Sie die Vor- und Nachteile nachlesen.“ Sie empfiehlt das Internet? Das kenne ich ja gar nicht von Ärzten. Sonst sagen doch die Ärzte immer „Im Internet steht nur Unsinn!“

„Im Internet steht nur Unsinn!“, sagt mein Arzt.12_Coaching

Normalerweise bekommen Ärzte sofort ein säuerliches Gesicht, wenn man von den eigenen Suchergebnissen im Internet erzählt. Und dann kommt jedes Mal der überhebliche Satz „Im Internet steht nur Unsinn!“ Wollen die Ärzte nicht, dass wir uns erkundigen? Dabei wäre es doch unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten für die Ärzte ein Vorteil, wenn wir uns vor dem Arztbesuch schlaumachen, oder? Wir wissen doch, dass ein Arzt von Kassenpatienten, von mir z.B., nicht leben kann. Zu wenig Zeit. Also sollte er doch froh sein, wenn ich komme, ihm meine zwei oder drei Krankheitshypothesen vorlege, er darf dann noch einmal Blutdruckmessen und mit dem Ultraschallgerät über irgendwelche Körperteile bei mir fahren, das kann man wohl abrechnen, und dann einigen wir uns auf eine Hypothese und er empfiehlt das Medikament. Im Internet steht nur Unsinn? Er kann auch sagen, das sei eben so in meinem Alter, das beruhigt mich auch. Warum sperren sie sich dann so gegen das Internet? Vor allem, da sie selbst ja gar keine Zeit haben, uns ausführlich zu erklären, was wir wirklich wissen wollen und wissen sollten.

spiral-gelb-160-120„Im Internet steht nur Unsinn!“, sagt mein Arzt.

Ich will jetzt nicht so weit gehen und behaupten, der Arzt wolle seine Deutungshoheit nicht abgeben, er selbst wolle Hypothesen erstellen und eine davon wählen. Dazu hat er doch gar keine Zeit! Sie wissen schon, die Gesundheitsreform. Aber irgendwie ärgern sich Ärzte über uns mündige google-erfahrene Patientinnen. „Im Internet schreibt doch jeder Idiot!“ erfuhr ich von meiner Hautärztin letzte Woche. Naja, ganz falsch ist das nicht, aber auch nicht richtig. Es kann jeder Idiot dort schreiben, aber nicht jeder, der dort schreibt, ist ein Idiot, Frau Doktor. Was ist mit der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie? Alles Idioten? Oder, in Ihrem Fall, Frau Doktor, die Deutsche Dermatologische Gesellschaft? Auch Idiotinnen? Sie haben natürlich recht, wem man z.B.  in www.gutefrage.de nachsieht, dann steht da schon Skurriles, aber genau da muss man ja auch nicht recherchieren.

„Im Internet steht nur Unsinn!“, sagt mein Arzt.

Aber ich will ja eine artige Patientin sein, schließlich habe ich sechs Monate auf diesen Termin warten müssen. In dieser Zeit ist mein Hautproblem zwar schon wieder verschwunden, aber nun hatte ich ja mal den Termin und habe ihr erzählen können, welche Probleme ich vor sechs Monaten hatte. Da kannte sie sich auch gut aus. Und dann habe ich artig gefragt, was Sie denn empfehle bei meiner neu erworbenen Rosacea? Ich hätte schon etwas im Internet recherchiert. Dann kam der klassische Satz  „Im Internet schreibt doch jeder Idiot!“ Sie gab bereitwillig Auskunft und erzählte mir, was man vermeiden muss und was zu empfehlen ist. Und, ich weiß, ich habe einen schlechten Charakter, da konnte ich es mir nicht verkneifen und ihr antworten 10_Ihr Ebook„Stimmt, Sie haben Recht. Das habe ich auch alles schon im Internet gelesen!“ Da schaute sie nun wieder ein bisschen säuerlich und verkündete mir  triumphierend (tit for tat), dass ich zwar noch keinen Hautkrebs habe, noch nicht, wohlgemerkt, aber dass meine Haut deutliche Zeichen von zu starker Sonneneinstrahlung aufweise und genau diese Art von Haut sei Hautkrebs gefährdet. Und ich müsse dringend nächstes Jahr wiederkommen. Aber das zahle die Krankenkasse nicht, die zahle nur alle zwei Jahre. Da müsse ich schon selbst Verantwortung übernehmen, was mich übrigens € 37,60 kosten würde. Am besten würde ich gleich einen Termin machen für das nächste Jahr. Ich hatte schon vorher Verantwortung übernommen für € 16,50, weil mir nämlich gleich von der Sprechstundenhilfe erklärt würde, dass die Krankenkasse nur die Hautkrebsinspektion mit bloßem Auge bezahlen würde, aber das sei nicht so aussagekräftig. Warum zahlt das dann die Krankenkasse? Nein, nein, das sei natürlich auch aussagekräftig, aber eben nicht so. Naja, da hatte ich natürlich Angst , wegen der Sonneneinstrahlung eben, und habe Verantwortung übernommen. Und die Frau Doktor hat dann für € 16,50 die  Lupe in Hand genommen.

Also, ein Lob der netten Chirurgin in der Notaufnahme. Solche gelassenen und pragmatischen Ärztinnen wünsche ich mir. „Lesen Sie mal im Internet nach“, meinte sie, „dann können Sie sehen, dass man nicht alles machen muss, was man medizinisch so machen kann“.

 

 

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