Janine/ März 15, 2013/ Alle Artikel, Reisen

05_ReisenAuch in Wilmersdorf kann man Abenteuer erleben

Abenteuer in Wilmersdorf? Wilmersdorf ist langweilig, dass weiß jeder. Hier wohnen die Wilmersdorfer Witwen, die mittags im Café Möricke Ragout Fin essen und dazu einen Piccolo trinken. Ich bin auch so, also keine Witwe und kein Café Mörike, weil ich Ragout Fin nicht esse (Low Carb!) und ich mittags keinen Sekt mag. Aber ich bin auch nicht mehr jung und lebe in Wilmersdorf. Also. Und weil ich Wilmersdorf auch langweilig finde, fahre ich immer nach Indien und suche dort ein bisschen Abenteuer. Statt keine Abenteuer in Wilmersdorf. Und den Kontakt zu Menschen, die eben nicht wie Wilmersdorfer aussehen und reden. Aber das mit der Langeweile in Wilmersdorf war ein Vorurteil. Hier kann man etwas erleben! Ich will also zum Arzt, das ist noch nichts Besonderes, das ist bei älteren Menschen ja sozusagen an der Tagesordnung. Wir Alten verstopfen die Wartezimmer und reduzieren die Gewinnmarge von Ärzten, weil wir uns zuhause langweilen. Und die Kinder nie anrufen. Und das Warten auf das Rädergeräusch des rollenden Mittagstisches auch nicht immer spannend ist. Vor allem nicht in Wilmersdorf.

Abenteuer in Wilmersdorf bei der Arztsuche?

Sie ahnen es, es ist nicht einfach, nirgendwo, aber vor allem nicht in Wilmersdorf. Arztsuche ist ein Abenteuer in Wilmersdorf. Die ersten sieben Ärzte sind besetzt. Immer besetzt. Die nächsten vier Praxen erreiche ich zwar, aber sie bieten mir Termine in 2 bis 5 Monaten an. Das ist mir irgendwie zu lang. Ich mache bei allen einen Termin und freue mich- nicht klammheimlich, sondern ganz direkt -, dass sie dann einen Termin verloren haben, weil ich einfach nicht erscheinen werde. Ha! Oder kalkulieren sie das bei uns abgefeimten Alten gleich mit ein und belegen Termine doppelt? Wie auch bei vielen Fluglinien überbucht wird? Die Wartezeiten würden dafür sprechen.

Die nächsten fünf Praxen haben einen supermodernen Service, man kann ihnen eine Mail schreiben kann und sie versprechen schriftlich, dass sie sie melden. Das tun sie, es geht sogar ganz schenll. Wieder zwei Termine in einem halben Jahr und die anderen drei Praxen bedauern, dass sie zur Zeit keine neuen Patienten mehr annähmen. Es täte ihnen leid. Ich glaube ihnen kein Wort.

Meinen Sie das ernst?

Aber ich lasse nicht locker, schließlich habe ich ein kleines Problem, dass ich lästig finde. Und siehe da, bei der x-ten Praxis ist kein Besetztzeichen, es antworte ein Mensch! Ein männlicher Mensch, also keine Sprechstundenhilfe, wenn man der üblichen beruflichen Geschlechterteilung glauben will. Ich bin verwirrt und weiß im ersten Moment gar nicht, was ich sagen soll. Die männliche Stimme fragt noch einmal nach. Eine nette Stimme, mit einem reizenden Akzent. Franzose? Israeli? Grieche? In jedem Fall interessant. Ich frage nach einem Termin, er fragt, wann ich denn kommen könne. „Immer!“ sage ich mit fester Stimme. Immer? Er lacht. „Na, da kommen sie doch gleich vorbei.“ Wie bitte? „Meinen Sie das ernst?“ frage ich ihn. Er lacht wieder. Nett, so lachende Ärzte. „Sicher, wenn sie gleich kommen können…“ Aber klar, in einer Stunde, besser einer Dreiviertelstunde bin ich bei ihm.

Es ist nicht weit, es dauert allerdings noch ein bisschen länger, weil leider der Berliner Ordnungsdienst mein Auto abgeschleppt hat. Abenteuer in Wilmersdorf! Aber das ist eine andere Geschichte. Gut, sie hatten recht, da waren Umzugsschilder, aber wie sollen wir Alten das mit unseren schlechten Augen denn noch abends sehen, vor allem wenn wir nach drei Glas Weißwein von Freunden kamen?

Irakische Poesie in Wilmersdorf

Der Arzt hat nicht nur eine nette Stimme mit diesem interessanten Akzent, er ist auch nett. Und sieht auch nett aus. Ich muss ihn fragen, weshalb er sofort Zeit hatte. Na, wenn eine Patientin es eilig hat, dann kürzt er eben seine Mittagspause. Was ist denn das für ein Arzt? Und natürlich muss ich ihn auch fragen, woher er denn kommt und woher er diesen interessanten Namen und diesen süßen Akzent hat. Das, sagt der nette Arzt, ist eine lange Geschichte. Und für diese lange Geschichte nehmen wir beide uns auch Zeit. Seine Lebensstationen gehen von Andorra über Schweden, auch in Jugoslawien hat er gelebt, seine Mutter war schwedische Diplomatin, so sieht er aber nicht aus, aber auch im Irak war er, eine wunderbare Kultur mit sehr emanzipierten Frauen, findet er. Ich trumpfe auf mit meinem griechischen Großvater und seinem Leben in Italien und Eritrea, das findet der nette Arzt auch extrem interessant. Er erzählt von einem seiner besten Freunde, einem Poeten aus dem  Irak, er müsste mir mal dessen Gedichte zeigen oder noch besser, mich mit ihm bekannt machen, auch dessen Frau sei unheimlich interessant. Ja, das fände ich auch klasse. Und dann unterhalten wir uns über Politik, ein Thema, für das wir uns beide engagieren. Wir sind entsetzt über das, was die Presse hier Griechenland antut und wie rücksichtslos die EU gegenüber diesen Ländern ist. Wir finden beide Netanjahu schlimm und hoffen, dass es irgendwann eine Verständigung zwischen den Palästinensern und den Israelis gibt. Er hat – natürlich – viele israelische Freunde (wo hat er keine?), die  sich das auch wünschen. Der irakische Poet übrigens auch. Mursi und die Muslimbrothers sehen wir beide kritisch, ebenso die Regierung in Qatar und Saudiarabien. Aber was der Western da macht, ist auch nicht in Ordnung, schließlich hat ja die USA und auch wir immer Mubarak unterstützt…

Ein schöner Gleichklang zwischen uns. Inzwischen sind 40 Minuten im schönsten Gespräch vergangen. Die niedliche junge Sprechstundenhilfe steckt ihren Kopf zur Tür herein. „Ähm, also die Patienten…“ Richtig, wir rufen uns beide zur Ordnung. Voller Sympathie verabschieden wir uns, es hat uns wirklich gefreut, wir hoffen, dass wir uns wiedersehen, denn man findet selten Menschen, mit denen man sich so gut unterhalten kann. Ich bin schon in der Tür, als er fragt „Ach, ganz vergessen, weshalb wollten Sie denn einen Termin?“ Ja, das habe ich auch vergessen. Ich erkläre kurz mein Problem, er versichert, dass dies kein Problem sei und kritzelt etwas auf ein Rezept.

Iranischer Maler in Wilmersdorf

Beschwingt mache ich mich zu Fuß auf den Weg nachhause. Da kann man mal sehen, Wilmersdorf ist nicht langweilig. Auch das Ordnungsamt sorgt für Abenteuer in Wilmersdorf. Die Uhlandstrasse herunter in Richtung Berliner Strasse, wieder vorbei an dem schönen Perlenladen, ja, sie kann mir helfen, eine schicke Kette aus dicken farbigen Perlen zu basteln. Warum soll ich nicht mal meine langweiligen Perlenkettchen austauschen im Sommer? Eine Praktikantin berät gerade eine echte Wilmersdorfer Witwe (Pelzmantel und sehr viele Perlenketten) bei der Frage, wie viele, viele glitzernde Perlen auf ein etwas angestaubtes, aber elegantes Abendoberteil appliziert werden könnten.

Nächste Station ist ein Teeladen, da wollte ich immer schon hin, aber als faule und überzeugte Autonutzerin finde ich vor diesem Laden nie einen Parkplatz. Der Teeladen ist wunderschön gestaltet, mit herrlichen Farben und Sinn für Ästhetik, schon bei den Teetüten. es hat nichts Alternatives oder Tümeliges. Keine Kluntjes in Sicht, sondern Regalweise große Teetüten. Wieder kommt ein gut aussehender Herr hervor, dessen Wurzeln mit Sicherheit nicht in Wilmersdorf liegen. Auch er nimmt sich Zeit und die nehme ich mir jetzt auch. Wir unterhalten uns lange über die richtige Teekannen, die richtige Zubereitung – er gibt mir gute Tipps. Es ist kein Verkaufsgespräch, sondern ein Gespräch unter Teeliebhabern. Morgens muss es bei ihm Darjeeling sein, natürlich First Flush. Versteht sich. Ich hingegen liebe Assam. Vor allem Assam Mokalbarie, den er leider nicht führt, aber ob ich es nicht einmal mit Assam Mangalam versuchen wolle? Zwar Second Flush, aber auch richtig gut. Ob er denn auch wie warmer Samt in den Magen fließe, frage ich. Denn das tut der Assam Mokalbarie. Ja, vielleicht nicht ganz so, aber wirklich….

Auch wir unterhalten uns lange und angeregt und, was mich jetzt auch nicht mehr überrascht, ist er eigentlich Maler, drei wunderschöne Bilder hängen auch im Laden. Daher! Er hat den Laden farblich ausgestaltet. Ja, denn eigentlich ist sein Frau die Teeexpertin, aber die ist gerade… Und als ich erzähle, dass ich Bücher schreibe, strahlen seine Augen, der auch er schreibt und zwar Tagebücher, in die er dann auch Zeichnungen… und dann hätte er auch einmal Interviews ….

Er sei aus dem Iran, was man sieht, und dann brauchen wir natürlich noch einmal eine Viertelstunde, um die unguten Entwicklungen dort abzuhandeln, auch er verweist auf die emanzipierten iranischen Frauen! Und wir hoffen beide, dass Ahmadinedjad nicht mehr lange dran sein wird, was, nachdem er die Mutter von Chavez geherzt hat, also nicht der iranische Maler, sondern Ahmadinedjad bei der Beerdigung von Chavez, auch wahrscheinlich ist. Aber was danach kommt? Beide wiegen wir unsere Köpfe voller Bedenken.

Auch den iranischen Maler werde ich wieder besuchen, vielleicht ist dann auch seine Frau da, wer weiß, was die Interessantes zu berichten hat. Der iranische Maler besteht darauf, dass ich wiederkomme und schenkt mir noch eine Probe eines erstklassischen Darjeeling. Einfach mal probieren und dann berichten, bittet er mich.

Na, also. Warum immer Indien? Auch in Wilmersdorf kann man etwas erleben. Abenteuer begegnen uns auch im Alltag. man muss nur zum Arzt gehen oder Teetrinken wollen.

 

 

Bildnachweis © Istockphoto/Giancarlo Liguori

 

 

 

 

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