Janine/ Juli 17, 2017/ Alle Artikel, Alter, Genuss

Altsein ist gar nicht schön!

Hat jemand behauptet, es sei schön, alt zu sein? Weil wir dann gelassener, ruhiger, überlegter werden? Und jeden schönen Moment mehr geniessen können? Uns über die kleinen Sachen des Lebens freuen? Was für ein Blödsinn. Altsein ist überhaupt nicht schön. Und manchmal so scheußlich, das sogar die Alternative erstrebenswert erscheint. Ich bin kein bisschen gelassen, sondern vollkommen aufgeregt, weil ich morgen ins Krankenhaus gehe und an der Bandscheibe operiert werde. Nein, diesen Moment werde ich überhaupt nicht genießen. Und ich gehe auch nicht gelassen ins Krankenhaus.  Und welche schönen Momente? Wenn jeder Schritt wehtut, wenn ich nicht schlafen kann, weil die Beine wehtun, wenn ich nicht einkaufen gehen kann, weil mir plötzlich die Beine wegknicken. Eins stimmt allerdings, ich kann mich über die kleinen Sachen im Leben freuen: Diese kleinen Sachen  sind in eine blau-weiße Schachtel verpackt und eingeschweisst, und wenn man eine oder manchmal sogar zwei dieser kleinen Sachen rausdrückt, sie dann mit etwas Mangosaft, nein, nicht mit einem Riesling, schluckt, dann freut man sich, weil man weiss, dann in etwa 15 Minuten die Schmerzen aufhören werden. Also gut, diese kleinen Sachen sind schon schön.

Altsein ist gar nicht schön!

Und was man alles zu hören bekommt: Muss das denn sein mit der Operation? Du weisst doch, die meisten orthopädischen Operationen sind vollkommen unnötig. Unnötig für wen? Für ein längeres Leben? Für die Umwelt? Für die Krankenkasse, für den Weltfrieden? Es geht doch auch mit sanfteren Methoden, sagen dann diese Menschen: Ich kenne einen sehr guten Ostheopaten. Oder einen sehr guten Orthopäden, der das alles mit sanften Wellen bekämpft. Und die meisten schwören auch auf eine Physiotherapeutin, die Wunder bewirkt. Überhaupt, Du solltest Dich mehr bewegen. Sie haben gelesen, dass man keine Rückenbeschwerden bekommt, wenn man sich sein Leben lang gesund ernährt hat, natürlich nicht zu dick geworden ist, sich ausreichend bewegt! Und vermutlich auch, wenn man sein Leben lang positiv gedacht hat. Denn wir wissen ja, wie sich Geist und Körper gegenseitig …! Ich kann es nicht mehr hören. Außerdem: Ist es nicht ein bisschen zynisch, einer fast 73jährigen zu sagen, sie hätte  sich ihr Leben lang gesund ernähren und bewegensollen? Zu spät! Das hätte mir jemand vor 60 Jahren sagen sollen. Ob ich das dann alles gemacht hätte? Sicher nicht.

Altsein ist gar nicht schön!

Aber wenn man sich das mal richtig überlegt: 60 Jahre lang nur gesund essen, ständig Sport machen, unentwegt positiv denken (!!) und überhaupt nie das machen, was Spaß macht oder interessant ist. Nein, das ist es nicht wert. Da ist es schon  ganz gut, dass ich die meiste Zeit doch Vieles gemacht habe, das Spaß gemacht hat. Meine Schmerzen sind jetzt ein bisschen die Strafe – würden jetzt viele dieser überzeugten Gesundheitsmenschen sagen -, aber ich sehe jetzt die Operation schon viel positiver. So schlimm ist eine Bandscheibenoperation auch nicht, wenn man sich die Alternative überlegt: 60 Jahre lang Sport und gesund essen! Wenn ich an gesund essen denke, dann sehe ich immer Möhren, an denen noch ein bisschen Erde klebt, weil das dann irgendwie auf Natur hindeutet. Wo wachsen denn die anderen Möhren, die ungesunden? Auf Styropor? Oder diese furchtbaren Boskoppäpfel mit den gesunden roten Wangen, bei denen einen die Zähne ausfallen, wenn man in sie hineinbeisst und die ausserdem auch noch sauer schmecken. Und dann ist es sicher auch empfehlenswert, nur Lebensmittel zu essen, die nicht über 100 Kilometer transportiert wurden. Ok, wenn ich in der Slowfoodbewegung wäre und aus dem Piemont käme, könnte ich das akzeptieren. Gern sogar. Aber wo wachsen denn in Brandenburg Oliven, Zitronen, und diese süssen sonnengereiften Tomaten? Wo gibt es diese herrliche Wildschweinsalami, den wunderbaren Ziegenkäse, das tiefdunkelgrüne Olivenöl? Artischocken, Aubergine, Courgettes… Pilze. Ich habe Hunger! Trüffel, Morcheln…. Oder der wunderbare Wein aus dem Friaul oder aus der Wachau!

Altsein ist gar nicht schön!

Und 60 Jahre lang Sport machen zu müssen, nur, um dann mit 73 keine Schmerzen zu haben – irgendwie geht diese Rechnung nicht auf. Sport! Da denke ich immer an diesen munteren älteren Herrn mit den gesunden Apfelbäckchen, ich glaube, das ist Prof Froboese von der Sporthochschule Köln, der schon früh am Morgen engagiert erklärt, was man alles bewegen muss und was man nicht tun sollte, weil man sich dann sofort viel besser fühle. Das erklärt er dem Moderator, der auch ein ausgewiesener Sportfanatiker ist. Ja, Jungs, euch macht das Spaß!! Erzählt doch nicht, ihr macht das, weil es gesund ist, ihr macht das, weil es euch Spaß macht. Und das will euch ja auch niemand nehmen. Aber ich fühle mich nicht besser, wenn ich mich bewege. Ich fühle mich gut oder sogar besser, wenn ich sitze und schreibe, wenn ich liege und lese oder wenn ich sitzend oder liegend etwas Schönes esse. Zum Beispiel etwas, das mehr als 100 Kilometer transportiert wurde und aus dem Piemont kommt. Und das mit den roten Backen, Prof. Froboese, das kann ich Ihnen erklären: Diese Krankheit nennt man Rosacea und da ist es gar nicht gut, wenn man sich so viel bewegt, denn dan wird alles immer mehr durchblutet und die Bäckchen werden immer röter. Ich bewege mich schon deshalb nicht, sondern liege ruhig da und lese und lege eine sanfte Feuchtigkeitscreme drauf, das verhindert allzu rote Bäckchen. Nur mal so, Herr Professor.

Und hier alles, was ich vermissen werde:

Altsein ist gar nicht schön!

Irgend wie geht es mir jetzt besser. Wenn ich bedenke, wie schlecht es mir mit all dem Gesunden und dem vielen Bewegen 60 Jahre lang hätte gehen können, dann geht es mir jetzt eigentlich wunderbar. Jetzt habe ich neben dem Schreiben schnell noch eine schöne Bolognese gekocht, damit meine süße Tochter, die bei mir Wohnung und Katzen sitzen wird, etwas Schönes zu essen hat. Und weil mir dabei auch die Nervosität vergeht. Übrigens, Herr Professor, ich bin ganz häufig zwischen Schreibtisch und Küche hin- und hergegangen. Das ist auch gesund.

Ich halte euch auf dem Laufenden. Das wird vielleicht das nächste Buch: Innenansicht einer Neurochirurgie aus der Sicht einer alten Patientin. Und Chirurgen in Uniform, herrlich! Aber da müssen die im Bundeswehrkrankenhaus wohl tragen. Die haben auch militärische Dienstgrade vor dem Arzt! Und Epauletten mit oder ohne Sternchen. Und hübsche junge männliche und weibliche Mannschaftsdienstgrade in Tarnuniform erklären einem freundlich und geduldig den Weg zum Ziel und begleiten einen auch dorthin, wenn der Weg zur gesuchten Station allzu weit ist. Das findet man nicht in allen Krankenhäusern, da habe ich in den letzten Wochen auch ganz andere Erfahrungen gemacht…

Hoffentlich bin ich jetzt nicht in diesem grässlichen Alter, in dem Menschen, meistens allerdings Männer,  erklären, dass doch so ein bisschen soldatischer Drill jungen Menschen ganz gut täte. Nein, so schlimm darf es mit mir nicht werden.

Bis bald.

P.S. Das muss ich mir nachher ausleihen. Aber nur das Krankenkassenmodell, gat die Krankenkasse streng erklärt. Git es da auch Luxusausstattungen?

 

 

 

 

 

P.S. P.S. Ich soll solide Schuhe mitbringen. Turnschuhe. Sowas besitze ich nicht. Ist das solide genug?

 

 

 

 

 

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