Janine/ März 8, 2014/ Alle Artikel, Reisen

pelargonie-blue-160-120Ayurveda ist Terror! Aus „No problem, madam!“

Wahrscheinlich habe alle, die sich mit Indien oder Gesundheit beschäftigen, schon etwas von den wundervollen Ayurvedakuren gehört. Ayurveda, kann man in farblich herrlichen Prospekten lesen, ist eine Jahrtausende alte Wissenschaft, die Menschen ins Zentrum des medizinischen Handelns gestellt und ganzheitlich betrachtet. Weiter ist dort zu lesen, dass nach sorgfältiger Puls- und Zungenkontrolle ein individuell zugeschnittenes Programm für den erschöpften Westkörper ausgearbeitet wird, entsprechend der persönlichen Doshabeschaffenheit. Dosha bezeichnet drei verschiedene Lebensenergien und wir alle haben irgendeine Kombination von Doshas. Ich zum Beispiel bin eine Vata / Kapha-Kombination mit Schwerpunkt Vata. Das freut mich, denn die Vata-Typen sind die intellektuellen Dünnen. Da das bei mir nicht ganz zutrifft, stellt Dr. Anitha fest, dass ich ein intellektueller Vata-Typ bin, der aber in einem Kapha-Körper steckt. Kapha-Typen sind die erdgebundenen Kräftigeren. Das missfällt mir, aber deshalb bin ich ja hier. Zu Ayurveda gehört eine ebenfalls individuell abgestimmte Diät. Und dann sind in diesen Prospekten hinreißend schöne Behandlungsräume abgebildet, in denen Öllämpchen leuchten und duften und frische Blütenblätter in einem kleinen Brunnen schwimmen. Zwei zarte Inderinnen in pastellfarbenen Saris lächeln verschämt oder unergründlich. Bei leiser Musik wird man von zwei Damen stundenlang synchron sanft massiert und schlummert unter dieser wunderbaren Behandlung sanft ein.

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Ayurveda ist Terror! Aus „No problem, madam!“

Sanft? Wer das behauptet, war noch nie bei einer Ayurvedakur. Synchronmassage ja. Pastellfarbene Saris ja. Aber diese Massage ist eine Tortur. Die beiden überhaupt nicht sanft lächelnden, sondern heiter lachenden Damen haben professionell kräftige Arme und massieren mit starkem Druck, sodass alle Knochen aufgeweicht werden. Stundenlang? Ja, eine ganze Stunde muss man auf diesem Brett liegen und sich hin- und herwälzen. Und überhaupt ist der ganze Tagesablauf eine Qual. Um sieben Uhr morgens klopft es an die Tür und herein huscht Biddi, die mir mit einem fröhlichen „Good morning, madam. You slept well?“ (Bis jetzt eben, ja!) mein erstes Frühstück hinhält: ein Glas frisch gepressten Kürbissaft. Wie das schmeckt? Na, genau so, wie es klingt. Ich muss hinzufügen, dass ich natürlich das Weightloss-Programm gewählt habe. Ich quäle mir dieses breiige, nach nichts schmeckende Getränk herunter und versuche noch ein bisschen zu lesen. Aber ich habe wenig Zeit, denn um 07:30 Uhr beginnt pünktlich das Yoga mit dem Yogameister. Schlecht gelaunt schlurfe ich 30 Sekunden vor 07:30 Uhr über den Rasen und in die Yogahalle. Die Yogahalle ist eine Hütte mit Schilfdach und steinharten Boden. Der Yogameister weist mich an, eine Bastmatte auszubreiten und Renzo, Laura und ich setzen uns auf die Knie. Das tut weh. Dann beginnen wir mit dem Sonnengruß. Und dann geht das Yogaprogramm weiter, alles auf diesem steinharten Boden. Mir tut der Rücken weh. Mir tun die Knie weh. Ich finde es albern, mit weit geöffnetem Mund und lautem Stöhnen die Luft auszuatmen. Und das zehn Minuten lang. Und dann noch die Brustdehnung und dann das Hecheln und dann in Brustlage das eine Bein und den entgegen gesetzten Arm anheben… Eins ist mal sicher: Yoga und ich werden keine Freunde.

tea-leaves-160-120Ayurveda ist Terror! Aus „No problem, madam!“

Um 08:00 Uhr gibt es Frühstück, was für mich und Maria, die Inderin aus San Francisco, ein Glas frisch gepressten Trauben- oder Wassermelonensaft bedeutet. Schmeckt gut, aber hinterlässt doch ein gewisses Hungergefühl. Dann gehe ich eben jetzt wieder ins Bett und schlafe noch ein bisschen. Kaum liege ich, klopft es an die Tür „Treatment, madam?“ Noch missmutiger schlurfe ich hinter dem himmelblauen Sari her. Ich bin mal gespannt, was mich erwartet. In meinem Behandlungsraum steht ein hoher hölzerner Tisch mit einem fünf Zentimeter hohen Rand, der mit einem hübschen Messingband verziert ist. Es sieht etwa so aus wie ein großes Tablett auf Beinen. „Please take everything off, madam!“ Nachdem ich das brav befolgt habe, wird mit ein züchtiges Mullwindelchen umgebunden. Ein Holztreppchen wird vor das Behandlungstablett geschoben. „Please sit, madam!“, werde ich aufgefordert. Das ist schon eine extrem unbequeme Position, denke ich und möchte mich hinlegen. Nein, das geht gar nicht. Sie zwinge mich wieder in eine Sitzposition. Die beiden Damen holen sich eine Messingschale mit warmem Öl, tauchen ihre Hände hinein und beginnen, auf jedes meiner Körperteile Unmengen von Öl zu schütten und mich damit einzureiben. Das ist wohl die berühmte Synchronmassage. Sie reiben und schütten und reiben und es gibt keine Stelle mehr an mir, von der nicht Öl trieft. Nachdem sie sich zehn Minuten so betätigt haben, muss ich mich hinlegen. Auch wieder zehn Minuten Synchronmassage. Dann auf die rechte Seite, dann auf die linke Seite, dann auf den Bauch. Hat jemand schon mal versucht, vollständig vor Öl triefend sich auf einem ebenfalls vor Öl triefenden Tablett herumzudrehen? Wie eine ölige Robbe glitsche ich von einer Seite auf die andere, ohne auf den Bauch zu kommen. Die zarten Damen, die über erstaunlich viel Kraft verfügen, schaffen es schließlich, mich umzudrehen. Nicht ohne großes Gelächter. Ihr würdet auch nicht viel besser aussehen in dieser Lage, denke ich säuerlich. Dann geht die Massage weiter – hört denn das nie auf? Dann muss ich mich setzen – wieder Gelächter und kräftige Unterstützung, dann noch mal Schütten und Reiben und endlich ist es vorbei.

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Ayurveda ist Terror! Aus „No problem, madam!“

Eigentlich soll man sich vermutlich bei dieser Massage entspannen, aber die letzten fünfzehn Minuten denke ich verzweifelt darüber nach, wie ich dieses Öl jemals wieder von meinem Körper entfernen kann. Aber da habe ich nicht mit den erfahrenen Masseurinnen gerechnet. Zunächst wieder die Füße auf das Holztreppchen, dann werden beide Füße abgerubbelt, damit ich wenigstens auf dem gefliesten Boden laufen kann. Wackelig und unschön anzusehen stakse ich vom Treppchen, von vier kräftigen Händen gestützt. Dann ein vorsichtiger Blick hinter den Vorhang, nein, kein Mann in Sicht, dennoch wird der Vorhang vorsichtig um mich gehalten und ich werde ins Badezimmer geleitet. Dort darf ich mich setzen, eine der himmelblauen Damen schürzt ihren Sari und beginnt dann, Wasser in eine große Plastikwanne laufen zu lassen. In einem kleinen Blechnäpfchen sehe ich einen gelben Puder mit kleinen Krümelchen drin. Dadji, meine Masseurin, kippt etwas Wasser dazu und verrührt das Ganze zu einem hellgelben Brei. Auf meine Frage hin wird mir erklärt, dass es sich dabei um Gramflower handelt, eine Art Mehl, dass aus gelben Kichererbsen hergestellt wird. Und mit dieser Pampe, die man sich als kalte, gelbe Linsensuppe vorstellen muss, werde ich nun wieder kräftig eingerieben. Das macht Spaß, ich regrediere zur Zweijährigen und matsche kräftig mit. Das findet nun wieder Dadji zum Totlachen. Dann kippt sie mir aus einem Plastikeimerchen Wasser über den Körper, so lange, bis endlich das ganze Öl verschwunden ist. Herrlich. Und zum Schluss bekomme ich noch einmal einen Schwall aus einem großen Eimer übergekippt. Ich fühle mich wie ein Kind und bin nun wieder ganz vergnügt. Die beiden Damen verabschieden mich strahlend und geben mir noch ein „Tomorrow two treatments, madam?“, mit auf den Heimweg. Man sollte sich bei der indischen Intonation, die für einen Europäer ein Fragezeichen anklingen lassen, nicht täuschen. Das ist keine Frage, sondern heißt „auf jedem Fall zwei Treatments morgen!“.highrangeclub-900-280

 

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