Janine/ Dezember 27, 2019/ Alle Artikel, Alter, Genuss, Kater

Champagner trinken, so lange es noch geht!

Viele alte Menschen seien so einsam, heißt es in allen Medien. Vor allem an Feiertagen. Und sie empfehlen dann auch gleich etwas gegen diese Einsamkeit. Da sehen wir dann uns Hochbetagte im Festtagsstrickjäckchen im Kreise von anderen Alten und ein Kinderchor singt etwas Schönes, oder, wenn wir Glück haben, dann singt ein fideler Chor von leicht beschwipst wirkenden Krankenpflegerinnen mit Sylvesterhütchen auf dem Kopf Jingle Bells oder etwas ähnlich passendes. Klar, ich kenne das, habe auch schon Sylvester allein verbracht. Allein, aber nicht einsam.

Es gab sie noch, die Einladungen zu anderen alten Menschen in den letzten Jahren, die ich dann auch manchmal dankend angenommen habe. Es klingt einfach nicht gut, wenn alle Menschen um uns herum etwas ganz Tolles vorhaben, von dem sie uns begeistert erzählen, wenn wir sie mit überladenen Einkaufswagen im letzten Moment mit Fleisch fürs Fondue oder Käse für Raclette oder eben mit der Barbarieente treffen, die zumeist der alte Ehemann mit seiner absolut einmaligen Orangensauce zubereitet. Wobei die Orangenmarmelade für diese besondere Orangensauce auch nur aus einem ganz besonderen Ort in Südschottland zu bekommen ist. Klar, es gibt auch die Allerweltsorangenmarmelade, aber wer will die schon in seiner Sylvesterorangensauce?

Champagner trinken, so lange es noch geht!

Wie klingt das, wenn wir dann leicht beschämt antworten, dass wir gar nichts vorhaben, auch weder Kinder noch Freunde kommen und wir auch nicht eingeladen sind? Ist völlig ok, versichern wir dann tapfer und mit fröhlichem Lächeln. Ist doch gemütlich, so allein zuhause. Ich kann es mir einrichten, muss nur essen, was ich mag und auf der Terrasse kann ich dann um 12:00 nachts die schönsten Feuerwerke anschauen. Obwohl, diese Freude wird mir dann sicher auch bald weggenommen, weil es ja nicht klimafreundlich ist und überhaupt scheußlich und außerdem „Die armen Tiere!“ Letzteres stimmt allerdings, denn Basquiat und Giacometti verkriechen sich beim ersten Böller unter dem Bett und kommen erst spät nachts oder früh morgens wieder heraus. Ich habe allerdings nicht festgestellt, dass sie dadurch traumatisiert sind. 

Champagner trinken, so lange es noch geht!

Das mit der Umweltfreundlichkeit ist für uns Alte gar nicht so einfach. Es leuchtet uns ja ein, aber manches ist einfach schwer umzusetzen. So wurden neulich in der ZEIT als Alternative zur Weihnachtsgans Hirseklöße mit Brokkoli angeboten. Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, jemals eine Gans zu Weihnachten gegessen zu haben – wüsste gar nicht, wie man das macht. Aber ich habe leider dumme Bemerkungen dazu gemacht und wurde mit einem Shitstorm überschüttet. Vor allem, als ich als Nachtisch ein Magnum-Eis vorgeschlagen hatte. Ich esse Magnum sehr gern. „Auch noch ein Eis von der Tanke!“ schrieb eine empörte Facebookuserin. Es gibt Magnum ja auch bei Edeka oder Rewe, wollte ich ihr antworten, aber ich bekam Angst, weil sie sehr, sehr böse zu sein schien. Ich hatte leider auch noch verraten, dass es bei uns Weihnachten Entenbrust gibt. „Kannst Du Weihnachten nur glücklich sein, wenn ein totes Tier auf Deinem Teller liegt?“ schrieb ein anderer empörter User. Ich habe es nicht gewagt, zu antworten.

Champagner trinken, so lange es noch geht!

Aber ich habe ein gutes Rezept gegen die Einsamkeit an Sylvester. Kauft die beste Flasche Champagner, die ihr finden könnt, ich z.B. finde Krug sehr gut. Wir Alten sollten Champagner trinken, so lange es noch geht. Die Zeiten, in denen wir im Pflegeheim sehnsüchtig auf das lauwarme Schnabeltässchen Kamillentee warten, kommen noch, keine Sorge. Zum Champagner dann Shrimps in Majonäse (wieder tote Tiere), einen schönen Salat – ich nehme Radicchio -, eine Flasche Mangosaft und als Nachtisch eben noch ein schönes Magnumeis. Macht alles keine Arbeit, eine gute Vinaigrette für den Radicchio ist schnell gemacht. Dann die zwei oder drei Lieblingsfilme bei Amazon Prime Video aussuchen und kaufen und ich versichere euch, ein schöneres Sylvesterfest habt ihr nie gehabt. Vor allem, wenn dann auf dem großen Sofa neben mir zwei flauschige, friedliche Kater vor sich hinschnarchen.

Champagner trinken, so lange es noch geht!

Dann noch eine Nachricht von mir: Im März 2020 kommt mein neues Buch heraus, in dem ich meine Vorbereitungen auf ein entspanntes Alter beschreibe. Klingt langweilig? Nein, das wird es nicht. Ich beschreibe, schimpfe und lache über die vielen blöden Ratschläge, die ich bekommen habe. Ich war schon lange der Meinung, dass wir alten Menschen uns auf unser Alter vorbereiten müssen, insbesondere, wenn wir nicht unseren Kindern die ganze Last der Entscheidungen und organisatorischen Dinge überlassen wollen.

So habe ich meinen Weg aufgeschrieben. Meine Suche nach einem geeigneten Wohnort im Alter, nach Pflege, meine unerfreulichen Erfahrungen mit der Kranken- und Pflegekasse. Ich habe mich auf Demenz testen lassen (vor vier Monaten war ich noch demenzfrei!), habe mich mit meinem Bestatter abgesprochen und mir ein Krematorium und einen passenden Friedhof angesehen. Ich habe meine Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht aktualisiert, meine Wohnung begonnen, aufzuräumen und vieles wegzugeben, damit dann nicht so viel Arbeit für die Kinder übrig bleibt. Meine Recherchen und die Suche nach einer geeigneten Unterstützung haben mir gezeigt, dass wir viel früher anfangen sollten, uns mit den letzten Jahres unseres Lebens zu beschäftigen. Es entlastet unsere Kinder, vor allem auch unsere erkrankten Kinder, aber es entlastet auch uns selbst. Aber natürlich kann bei meinem Buch auch gelacht werden, wie immer bei mir. Und 2020 werde ich natürlich auch dazu Lesungen anbieten.

Allen ein schönes Hinübergleiten ins Jahr 2020. Bitte daran denken, dass wir Alten jeden Moment, den wir noch Champagner trinken können, genießen sollten!