Janine/ Januar 19, 2013/ Alle Artikel, Reisen

05_ReisenMein kleines ostschwäbisches Dorf ist so wie eben ostschwäbische oder andere südliche Dörfer sein müssen.

Fachwerk, Gasthöfe zum Löwen, zur Krone, zum Fass, Goldene Hängeschilder und ein Markplatz mit diesen unbequemen holperigen Steinen, die einem das Gefühl geben, in einer echten alten Stadt zu sein. Aber nette Leute. Es gibt sogar ein Kino und da lief auch „Ziemlich beste Freunde“. Na also. Aber das war´s dann auch.

Wenn nicht, wenn es nicht die Pizzeria Rostica gäbe.

Nach 2,5 Wochen nicht mal schlechtem deutschen Essen (vor allem den Fisch können sie hier wirklich gut machen), habe ich einen tierischen Appetit auf etwas Italienisches. Sträßchen auf, Sträßchen ab laufe ich durch Bad Urach – niemals sonst habe ich mich in den drei Wochen so viel bewegt. Aber mit dem Duft eines Teller Spaghetti Aglio Olio in der Nase wie die berühmte Karotte laufen ich meilenweit.

Erfolglos. Als ich mich vollkommen verlaufen habe (was in Bad Urach nicht so schlimm ist, irgendwo ist immer das Ende des Städtchens) komme ich in eine enge Strasse, in der sich mehrere junge Menschen lautstark und gestikulierend unterhalten. Alle haben Hoodies an und die Kapuzen über den Kopf gezogen. Ich denke, sie solidarisieren sich mit Trayvon. Oh, Oh. Aber ich muss sowieso an ihnen vorbei, wieder keine Angst zeigen, wie bei Grizzlybären. Ich gehe auf einen zu und frage betont angstfrei, ob es in Bad Urach einen Italiener gäbe. Es beginnt ein langes Palaver in diesem Idiom, das kein Nicht-Ostschwabe versteht. Aber das ist doch nur für eine schnelle Pizza, das ist doch nichts für die Dame. Wieder Palaver. Schließlich einigen sie sich. Also die Pizzeria Rostica ist wirklich gut. Da esse ich auch gerne. Ich betrachte den riesigen Hoodieträger. Also da wird es zumindest große Portionen geben, wenn er da auch gerne ist.

Nach vergeblichen Versuchen, mir zu erklären, wie ich dahin finde „Na, da gehen sie hier links und dann da vorbei, wo früher Schlecker war…, Nein, das ist doch weiter, es ist besser, wen sie an der Apotheke vorbeigeht und dann am Wilden Mann in das Gässchen…., beschließen sie, mich zu begleiten. Ich ziehe also mit dem Trupp Trayvon-Anhänger durch Bad Urach und sie liefern mich vor der Pizzeria ab.

Eine typische italienische Pizzeria: Außen Fachwerk und Coca-Cola-Schilder.

Innen auch wieder typisch italienisch: Hellbraune, unbequemen Holzstühle mit Herzchen drin. Tischdecken und Plastikblümchen wie im Café Möhring, wo zumindest früher immer alte lesbische Pärchen saßen und Herva-Mosel aus Sektkelchen tranken.

Aber dann: Der dicke, kleine Besitzer faucht mich an: Du da sitzen, schnell.

Und schon faucht er die nächsten Gäste an. Hier herrscht ein strenges Regiment. Niemand darf sitzen, wo er will. Ich sitze und warte. Und warte. Und warte. Schließlich gehe ich in den Vorraum und frage den dicken Sohn, ob ich etwas zu trinken haben kann. Unfreundlich faucht er: Natürlich, setzen Sie sich doch mal hin! Naja, schließlich kommt ein schöner Chianti, auf den Tisch geknallt. Das tröstet mich. Aber dann kommt eine große Schar schnatternder Menschen, die alle Platz finden wollen. 30 Personen! Der dicke Chef ist extrem genervt. Er faucht auch sie an. Aber diese toughen württembergischen Lehrerinnen auf Wandertour lassen sich nicht stören. Sie brüllen: Gisela, setz dich doch herüber, dann kann die Gesine daher und dann können Helga und Christiane da zusammen…

Ich nehme mir ein Herz und frage artig den garstigen dicken Chef, ob ich vielleicht ins andere Zimmer gehen darf, denn mir sei das zu laut… Zum ersten Mal bildet sich auf seinem Gesicht eine Andeutung von Lächeln. Er rafft meine Jacke, meine Tasche und den Chianti zusammen, stürmt vor mir her in den anderen Raum und packt sie an einen Tisch. Du sitzt hier! kommandiert er und knallt mir die Speisekarte auf den Tisch. Habe ich auch Sondergericht, knurrt er. Sehr gut: selbst gemachte Tagliatelle mit Steinpilzen und Trüffelöl. Er guckt mich ungeduldig an. Aber das macht nichts, denn wenn ich Steinpilze und Trüffelöl höre, dann ist alles gut. Da ich auch noch Fegato alla Veneziana essen will, bitte ich ihn um eine kleine Portion. Er nickt kurz und ist weg.

Als sein ebenfalls dicker kleiner Sohn erscheint, stellt er krachend eine übergroßen Teller mit einem  Tagliatelleberg vor mich. Der Tagliatelleberg schwimmt in Oliven- und Trüffelöl und die Steinpilze duften, dass alle andren Gäste sich umdrehen und große Augen und lange Nasen bekommen.

Kleine Portion?

Wie nicht anders zu erwarten, ist der Berg nach kurzer Zeit weg und ich denke, dass der dicke unfreundliche Wirt einen Stern verdient. So etwas Köstliches habe ich noch nie gegessen. bevor ich wegfahre, gehe ich noch einmal dorthin. Hatte ich nicht erwartet in Bad Urach.

Wieder mal Vorurteile!

Ich muss los, denn Die Pizzeria Rostica schließt immer um 14:30.

Bildnachweis © Istockphoto/Giancarlo Liguori

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