Janine/ Dezember 27, 2013/ Alle Artikel, Genuss

sandwich-160-120Integration gelungen! Türkischer Max & Moritz

Ich interessiere mich für Integration. Vielleicht, weil ich selbst Deutsche mit griechisch-belgischem Migrationshintergrund bin. Und außerdem bin ich ein kommunikativer Mensch. Ich unterhalte mich gern, mit allen Menschen, auf der Strasse, im Stehrestaurant, in der Apotheke. Man bekommt immer höchst interessante Einblicke in das Leben andere Menschen. Außerdem ist es nett. Man hat heiter miteinander gesprochen, verabschiedet sich und geht mit einem vergnügten Gefühl weiter. Also zumindest mir geht das so. Daher weiß ich auch viel aus dem Leben der Menschen in den Restaurants und Geschäften, die mich umgeben. Aber nun zu Max & Moritz und der gelungenen Integration.

Integration gelungen! Türkischer Max & Moritz

Aus irgendeinem Grund gibt es mir gegenüber vor einer Bauruine oder Bauscheußlichkeit, die noch aus der Zeit nach dem Krieg geblieben ist, eine lange Reihe unterschiedlicher Restaurants oder besser gesagt, Schnellimbisse mit ein paar Tischen. Es wundert mich immer, warum in einer gefragten Innenstadtlage in Wilmersdorf noch kein britischer oder arabischer Investor auf die Idee gekommen ist, dort schicke Penthäuser zu errichten. Vielleicht liegen auf diesen Flachbauten oder dem Grundstück noch ungeklärte Restitutiosansprüche. Und ich hoffe, dass das so bleibt, denn ich und meine Nachbarn profitieren davon. Jeden Mittag könnte ich dort japanisch, türkisch, italienisch, albanisch, Thai, noch mal italienisch, französisch und deutsch essen. Für sehr wenig Geld ud manches schmeckt sogar.

Integration gelungen! Türkischer Max & Moritzsandwich-160-120

Nun hat vor ein paar Wochen bei meinem Lieblingstürken, der erstaunlicherweise vor seinem Restaurant zwei riesige Eisenadler auf Sockeln stehen hatte, eine hektische Bautätigkeit eingesetzt. Er musste sogar schließen. Stühle, Theken und Fahnen von Türkyemspor wurden herausgerissen. Und dann plötzlich eine Explosion von silbernen und goldenen Plastikluftballons und -herzen vor dem umgebauten Döner. Luftschlangen und Blumengebinde. Es sah aus, als ob dort eine türkische Hochzeit gefeiert wurde. Ich bin sicher, dass auch der Hodscha da war und das neue Restaurant gesegnet hat. Das glaube ich deshalb, weil in meinem Haus, also schräg gegenüber vom neuen türkischen Restaurant, ein russisches Reisebüro eröffnet hat. Und darin wurden vor meinen erstaunten Blicken die beiden Reisebürodamen, beide superschlank, superblond, enge Goldgürtel und schwindelerregend hohe Absätze an den Guccischuhen (falls Gucci auch Schuhe macht) von einem dicken, grauhaarigen Popen gesegnet. Das dauerte, er sprach wohl ein paar Gebete, die sich für Reisebüros eignen. Ich war beeindruckt. Also auch bei den orthodoxen und islamischen Geistlichen ist die Integration gelungen.

Integration gelungen! Türkischer Max & Moritz

Aber jetzt kommt das, was ich eigentlich erzählen will. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie der neue türkische Restaurant-Döner heißt! In großen blauen Buchstabe steht rechts und links der Restaurantname „Max & Moritz“ über den beiden Eingängen. Das finde ich überraschend. Und weil ich, siehe oben, immer gern in die direkte Kommunikation eintrete, laufe ich beim nächsten Einkauf am türkischen Max & Moritz vorbei.  Ein nett aussehender dunkelhaariger  junger Mann räumt gerade die Eröffnungsdeko weg. „Schön gemacht!“ eröffne ich die Unterhaltung und zeige auf seinen Laden. Er strahlt. „War aber auch nicht billig! Alles nur vom Feinsten!“ Ich nicke und sage, dass ich mir das gut vorstellen könne. So sehe es auch aus. Dann weise ich mit meiner Hand auf die „Max & Moritz“-Schrift über der Eingangstür und frage „Wer hat denn das geschrieben?“ Ich weiß, das ist jetzt ein bisschen gemein, aber ich wollte einfach mal wissen, ob denn der Türke dort sich sandwich-160-120auch schon in den deutschen Kulturkreis integriert hat. So wie es mein Mann vor zwanzig Jahren gefragt wurde, als der Sachbearbeiter im Rathaus ihm seinen deutschen Pass überreichte. „Mein Cousin“, sagt eifrig der junge Mann. „Der macht alles, Schilder, Glasbeschriftungen, Türschilder, alles, und alles supertoll, und günstig. Ich kann Dir mal seine Karte geben!“ Er kramt in seiner Hosentasche und überreicht mir eine große Visitenkarte, auf der in schillernden blau- und grün Tönen sein Cousin, der Sultan heißt, seine Schildermalerei anpreist. „Der macht Dir auch einen guten Preis, ich ruf den an. Sag dann einfach, Du kommst von Ömer, das passt dann schon!“

Integration gelungen! Türkischer Max & Moritz

Ich nehme die Karte dankend, obwohl ich überrascht bin, weil wir uns wohl missverstanden haben. „Ähm“, sage ich, „danke, aber eigentlich wollte ich mal fragen, ob Sie wissen, wer die Geschichte von „Max & Moritz“ geschrieben hat. Das war nämlich ein deutscher Schriftsteller. Ich weiß, das klingt furchtbar oberschullehrerhaft, aber ich wollte doch mal provozieren. Und nun kommt die Antwort, die mir zeigt, dass die Integration der türkischen Jugend mit Migrationshintergrund in den deutschen Kulturkreis total gelungen ist: „Häh???“ antwortet der erstaunte  Ömer. „Was denn fürn Schriftsteller? Also den Namen fand mein Onkel klasse, in Kreuzberg gibt es auch eine Kneipe, die so heißt. der Besitzer da ist aber kein Schriftsteller, das weiß ich.“ Das alles kam natürlich in herrlichstem Berliner Dialekt, den ich schlecht wiedergeben kann, den man sich aber denken kann.

Na also! Genau das hätte auch jeder deutsche Jugendliche ohne Migrationshintergrund geantwortet. Hä? war genau die passende deutsche Antwort auf meine weltfremde Frage. „Ach so“, sage ich. „ich dachte nur…“sandwich-160-120

Und jetzt fragt mich der integrierte junge Mann jedes Mal, ob ich schon seinen Cousin angerufen hätte. Mach ich noch, antworte ich, habe gerade jetzt so viel zu tun. Er zwinkert mir dann zu und flüstert, wenn er mir den Dürüm Döner über den Tresen reicht „Mit extra viel Fleisch und extra viel Soße!“

Bildnachweis: © Norman Ermer von http://www.Worldofmillions.com  / pixelio.de

 

 

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