Janine/ November 25, 2018/ Alle Artikel, Alter, Krankheit

Verlag gefunden: Los geht´s mit Schreiben!

Ich freue mich, dieses Mal konnte ich mir sogar den Verlag aussuchen, es gab mehrere, die mein Exposé interessant fanden. Es scheint, als ob das Thema „Altern“ inzwischen viele interessiert. Dabei geht es bei meinem nächsten Buch gar nichts ums Altern, denn alt bin ich schon. Es geht darum, dass ich mich auf den Weg mache und die letzten Jahre meines Lebens plane. Nein, es wird kein trauriges Buch, aber auch kein Buch mit dieser betonten Heiterkeit, die in manchen Büchern über alte Menschen inzwischen bevorzugt wird. Nein, ich schreibe darüber, was wir alten Menschen auf unserer letzten Reise so alles erleben im Alltag. Wie werden wir von unsere Umwelt behandelt? Was sagen uns die Ärzte, wenn wir von ihnen eine Verbesserung unseres Zustands erwarten? Wie schaffen wir unseren Alltag, wenn das mit dem Laufen nicht mehr so gut geht und wenn es schwierig wird, ein Gurkenglas aufzubekommen? Gut, man könnte saure Gurken einfach weglassen, aber ich finde es inzwischen schon schwierig, eine Mineralwasserflasche aufzuschrauben. Da habe ich allerdings eine schöne silberne Sektkorkenzange gefunden, die ich wohl noch von meinen Eltern geerbt haben muss.Mit der kann man nicht nur Sektflaschen öffnen, wie meine Freundin Karin und ich es neulich ausprobiert hatten – stell euch vor, Mitternacht naht und wir kriegen die Sektflasche nicht auf! – nein, auch Mineralwasserschraubverschlüsse gehen damit einfach auf. Man muss sich nur zu helfen wissen, aber als alter Mensch muss man schon viel Kreativität aufbringen.

Verlag gefunden: Los geht´s mit Schreiben!

Da hilft es manchmal, wenn man sich an die Wohngemeinschaften im alten Berlin erinnert. Also nicht die Wohngemeinschaften, die heute von hippen jungen Studenten aufgesucht werden, weil sie während ihrer aufregenden Reise durch Praktika in allen europäischen und nicht-europäischen Ländern immer nur eine kurze Zeitlang ihren stylischen Rucksack, das teure MacBook, dazu Ipad und Iphone einfach neben ihrer Matratze deponieren müssen. Nein, wir wohnten richtig in den Wohngemeinschaften, bemalten die Wände, damit die Poster von Che Guevara oder Gramsci auf farbigem Untergrund besser aussahen. Wir haben auch gern mit unseren breiten Schultern damals den Kommunismus von Westdeutschland ferngehalten. Wirklich gern, denn ohne die vielen Westberliner und vor allem die Bonner! war es in berlin wirklich irgendwie schöner. Aber die Zeit sind vorbei. Damals also hatten wir riesige Schreibtische, die wir entweder aus Pressspan selbst gebaut oder die wir bei einem Trödler in der Flughafenstrasse billig entstanden hatten. Dieser klobige Schreibtisch musste dann mit großer Mühe in einem R4 mit zurückgeklappter Rückbank oder mit einem gemieteten Auto von Robben & Wientjes (kennen das noch alle?) und vielen Freunden zurück zur Wohngemeinschaft und vor allem durch 3 Stockwerke ohne Fahrstuhl nach oben gewuchtet werden. Darauf hatten wir Stapel von Büchern und Papieren und Flugblättern und wenn wir ganz modern und vor allem finanzkräftig waren, dann hatten wir da auch schon eine Schreibmaschine stehen. Aber noch die ohne Korrekturtaste. Sondern die, bei der man dann mit Tippex arbeiten musste. Herrliche Zeiten. Heute liegt das silberfarbene Macbook auf der Matratze oder auf em Küchentisch – wer braucht noch einen Schreibtisch?

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Jetzt bin ich etwas abgeschweift, aber das ist bei alten Leuten so, vor allem, wenn sie über ihre Jugend sprechen. Aber schon in der Zeit damals gab es große Probleme, wenn wieder mal irgendjemand keinen Flaschenöffner und keinen Dosenöffner fand – vermutlich hatte den der Typ geklaut, den Gaby neulich abends mitgebracht hatte – und wir alle auf jeden Fall noch eine Flasche Rotwein öffnen wollten und dringend noch etwas Spaghettisauce kochen mussten. Da wurde man kreativ: Kennt ihr noch den Trick mit dem Hammer und dem Nagel oder besser einer Schere? Spitz auf der Dose aufsetzen, kräftige Schläge mit dem Hammer und dann mit geballter Kraft da zerstörte Weissblech aufbiegen. Man konnte sich dabei gut die Finger zerschneiden, aber wenn man Hunger hat, geht man auch dieses Risiko ein. Schwieriger schon war es, eine Weinflasche aufzubekommen ohne Flaschenöffner. Auch dann kann man mit dem Hammer arbeiten, nimmt aber eine dicke Schraube dazu. Vorsichtig in den Korken schlagen, dann langsam an der Schraube ziehen und sie ein bisschen drehen – irgendwann kommt der Korken raus. Helmut dauerte das allerdings alles zu lange, deswegen hat er den Korken mit seinem breiten Zeigefinger in die Falsche gestoßen. Ging auch, aber im Wein blieben dann noch oft Korkenbrösel hängen. Aber damals war uns so etwas egal. Heute traue ich mich das mit dem Hammer nicht mehr und die Kraft in meinen Händen reicht auch nicht mehr dazu aus, das Weißblech aufzubiegen.

Verlag gefunden: Los geht´s mit Schreiben!

Warum über das eigene Alter schreiben? Ich bin  nicht einmal eine Berühmtheit, von der man gerne wissen will, wie es ihr so im Alter geht, weil wir alle immer alles über Berühmtheiten wissen wollen. Ich schreibe – auch – über mein Alter, weil es allmählich Zeit wird, alles aufzuschreiben. Das zu sagen, was man gerne mitteilen möchte und – last but noch least – weil es vielleicht etwas ist, das von mir zurückbleiben wird. Wär doch schön, oder? Vielleicht liest irgendjemand das Buch und sagt, ach, was für eine witzige Frau. Oder jemand fühlt sich gut verstanden. Oder meine Familie, also auf jeden Fall diejenigen, die es interessiert, lesen ab und zu mal in meinem Buch und denken freundlich an mich zurück.

Verlag gefunden: Los geht´s mit Schreiben!

Aber es gibt noch einen Grund und da bin ich absolut der Meinung des norwegischen Krimiautors Haken Nesser. Er fragt sich, warum wir eine derart wichtige Entscheidung wie den eigenen Tod anderen Menschen überlassen. Da bin ich ganz bei ihm. Ich habe immer schon meine Angelegenheiten selbst geregelt, die meiste Zeit meines Lebens war auch niemand da, der sich auch nur angeboten hätte, sie für mich zu regeln. Damit bin ich aber nicht ganz schlecht gefahren. Darum also auch jetzt: Es geht ans planen und ans Vorbereiten und ans festlegen: Wie sollen die letzten Jahre meines Lebens verlaufen? Was, wenn sie kürzer sind, als ich bislang hoffe und glaube? Wenn ich nicht alles regeln kann, was sollte ich dann aber auf jeden Fall geregelt haben?

Verlag gefunden: Los geht´s mit Schreiben!

Vor mir liegt eine wunderbare Zeit: Recherchieren, lesen, schreiben und dabei ständig neue Menschen kennenlernen, die entweder Expert*innen des Ablebens sind oder einfach andere alte Menschen, die ihre Vorstellungen gern mit mir teilen. Ich freue mich darauf. Bis bald.